Jawahir Cumar und Anita Pavlovska-Trajceski: Gewalt gegen Frauen

Traute konnte für den heutigen Abend die Referentinnen Jawahir Cumar (stop mutilation e.V.) und Anita Pavlovska-Trajceski (Frauenberatungsstelle Düsseldorf) gewinnen. 

 

Anita Pavlovska-Trajceski stammt aus Mazedonien, ist ausbildete Dipl. Pädagogin und arbeitet seit 3 ½ Jahren in der Frauenberatungsstelle in Düsseldorf.

 

Beim Thema „Gewalt gegen Frauen“ beschränkt sie sich auf das Thema ihrer Arbeit, also auf Frauen, die Gewalt erlebt haben.

 

Die Frauenberatungsstelle ist eine autonome Beratungsstelle, Frauen mit allen Anliegen wenden sich an sie. Er gibt ein multiprofessionelles Team mit einigen Kolleginnen, die eine traumatherapeutische Zusatzausbildung haben.

 

Neben einer allgemeinen Beratung für Frauen bietet die Frauenberatungsstelle Nothilfe für vergewaltigte Frauen, teilweise sind es „Selbstmelderinnen“, teilweise werden sie von der Polizei gebracht. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Rechtsmedizin, da die Gewaltspuren gesichert werden müssen. Es wird mit der jeweiligen Frau erörtert, ob eine Anzeige erstattet wird. Niemand wird zur Anzeige gedrängt, da der Prozess schwierig ist.

 

Ein weiteres Thema ist die Lesbenberatung: Hier geht es in erster Linie um Diskriminierung und Gewalt, auch zwischen Partnerinnen.

 

Ein weiterer Aufgabenbereich ist die Hilfe für Frauen, die in der Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erlebt haben. Auch hier geht es um die Frage, ob Anzeige erstattet wird.

 

Es geht häufig um Gewalt in der Beziehung (Ehe oder anderes). Dabei übermittelt die Polizei häufig nach ihrem Einsatz die Daten und die Frauenberatungsstelle nimmt den Kontakt auf. Wegen der 10tägigen Frist für eine Wohnungszuweisung über das Landgericht ist Eile geboten.

 

Ein weiteres Aufgabenfeld ist die Beratung von Migrantinnen.

 

Gewalt gegen Frauen ist vielfältig, es gibt körperliche, soziale, psychische und ökonomische Gewalt. Bei Gewalt mit sichtbare Spuren hat die Polizei Möglichkeiten, bei psychischer und ökonomischer Gewalt gibt es wenig Möglichkeit. In diesen Fällen muss mit den Frauen ein Ausweg aus der Situation erarbeitet werden, ansonsten sind lediglich Verbesserungen möglich, keine Lösung.

 

Frauen mit Migrationshintergrund sind zunächst in derselben Situation wie deutsche Frauen, aber es gibt Besonderheiten (Gewalt mit Berufung auf kulturellen oder religiösen Hintergrund). Dazu kommt, dass diese Frauen häufig nicht der deutschen Sprache mächtig sind, eine Dolmetschung durch eines ihrer Kinder ist idR nicht die Lösung. Für Dolmetscher fehlt das Geld.

 

Zwangsverheiratung und Genitalverstümmelung gibt es nur bei Frauen mit Migrationshintergrund. Von Frauenhandel und struktureller Gewalt sind auch deutsche Frauen betroffen.

 

Die Folgen von Gewalt sind gleich: Krankheit, Schuldgefühle.

 

Gewalt ist keine private Sache, sondern ein gesellschaftliches Problem. Zivilcourage ist erforderlich, aber man soll sich nicht in Gefahr bringen. Hilfe kann auch darin bestehen, die Polizei zu rufen, insbesondere, wenn es Kinder in der Familie gibt. Hilfe kann man geben, indem man die Frauen zu Polizei und zu Ärzten begleitet. Am Beginn der Hilfe steht die aufmerksame Beobachtung.

 

Menschenhandel/Frauenhandel hat idR den Zweck, die Frauen sexuell auszubeuten oder ihre Arbeitskraft. Die Frauen werden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, sie hoffen auf ein besseres Leben. Häufig steht organisierte Kriminalität dahinter. Frauen erleben dabei jegliche Formen von Gewalt. Drogen, Alkohol, Psychopharmaka. Nach einigen Jahren schaffen einige Frauen den Weg in die Freiheit (über Freier, Polizeieinsatz, Flucht). Die Dunkelziffer ist enorm hoch, insbesondere durch die EU-Erweiterung sind viele Frauen legal in Deutschland, idR aus Bulgarien, Rumämien, Polen, Kosovo, Somalia Ghana. Nigeria.

Viele Selbstmelderinnen, viele über andere Institutionen wie Polizei, Seit einiger Zeit hat die Frauenberatungsstelle auch eine Streetworkerin auf dem illegalen Straßenstrich in der Charlottenstraße, die Kontakt mit denjenigen aufnimmt, bei denen der Verdacht besteht, dass sie nicht freiwillig dort sind. Die Täter sind häufig Familienangehörige, die Kinder sind in der Gewalt der Täter, aus diesem Grund entschließen sich die Frauen idR nicht, die Täter anzuzeigen.

Wenn eine Frau sich befreien will, wird eine Gefährdungsanalyse mit der Polizei zusammen erstellt, bei Gefährdung wird die Frau nicht in Düsseldorf untergebracht. Die Frauen sind leicht bis sehr stark traumatisiert und suizidgefährdet. Teilweise haben sie bereits in der Kindheit Gewalt erlebt. Sie erleben sekundäre Viktimisierung durch Aussage und Vernehmung durch Gericht. Die Frauenberatungsstelle muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wann die Frau therapiert werden soll, vor oder nach dem Prozess. Wenn eine Therapie vor dem Prozess erfolgreich ist, könnte die Aussage der Frau unglaubwürdig wirken. Die Frauenberatungsstelle plädiert daher dafür, dass eine polizeiliche oder richterliche Vernehmung durchgeführt wird.

 

Wenn sich die Frauen zur Anzeige entschließen, organisiert die Frauenberatungsstelle die rechtliche und psychische Prozessbegleitung. Bis zum Prozess können Jahre vergehen, in der Zeit werden die Frauen bei der Integration unterstützt.

 

Für Frauen aus den EU-Ländern ist es einfacher, hier zu bleiben, da sie ein Aufenthaltsrecht haben. Andere müssen das Land verlassen, da sie nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung haben.

 

Frau Pavlovska-Trajceski referiert dann ein Beispiel anhand einer Frau aus Nigeria, die schwanger zur Prostitution gezwungen wurde. Sie musste sich mit 80.000 € freikaufen, hatte wenig Kontakte zu ihrem Kind, das von der Täterin mit Psychopharmaka ruhig gestellt wurde. In einer erneuten Schwangerschaft flüchtete sie mit ihrem Kind. Die Täter wurden verurteilt. Eine Ausreise würde für sie und Tochter Lebensgefahr bedeuten. Sie ist beschnitten, die Tochter würde beschnitten. Sie hat ein Aufenthaltsrecht bekommen.

 

Frau Pavlovska-Trajceski streifte kurz das Problem der „Lover-Boys“.

 

Jawahir begann ihren Vortrag mit der Darstellung, was weibliche Genitalverstümmelung ist. Im Grundsatz seien das alles Verfahren, bei denen das weibliche Geschlecht in Teilen oder in Gänze entfernt wird.

 

Beim Typ 1 wird die Spitze von der Klitoris abgeschnitten, beim Typ 2 ein Teil der Klitoris und die Schamlippen und bei Typ 3 werden Klitoris und Schamlippen abgeschnitten und zusammengenäht.

 

Auf die Typen 1 und 2 entfallen 80 % aller Fälle und 15 % auf Typ 3. Insgesamt sind es 50 Mio. Frauen. Genitalverstümmelung gibt es in 29 von 54 afrikanischen Ländern (vornehmlich in der Mitte von Afrika), dazu kommen noch arabische und asiatische Staaten. Es fehlen noch verlässliche Zahlen. In Deutschland liegen nur ältere Zahlen vor, danach gibt es 30.000 betroffene oder gefährdete Mädchen (Beschneidung im Urlaub oder „Bestellung“ einer Beschneidung durch ausländische Beschneider). Manchmal passiert es, dass bei Heimatbesuchen die Familie das Kind beschneiden lässt. Das Alter der Beschneidung differiert, teilweise werden die Mädchen schon als Baby beschnitten, teilweise erst bei den Hochzeitsvorbereitungen.

IdR beruft man sich auf Tradition oder Religion. Die Beschneidung soll die Jungfräulichkeit erhalten oder die Treue in der Ehe. Außerdem wird sie als Schönheitsideal propagiert.

 

Es gibt einen Leitfaden für Erzieher/Lehrer, in denen geraten wird, wie man sich verhalten soll. Auffallend sind Urlaube in der Heimat, die nicht in die Ferienzeit oder anlässlich von Geburtstagen stattfinden.

 

7 % der Mädchen versterben nach Erhebung der WHO an der Beschneidung, was aber geleugnet wird, daher ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen und die Zahl dürfte höher liegen.

Direkte Folgen einer Beschneidung sind Schmerzen, Blutung, Verletzung der Harnröhre. Blutstau bei Typ 3, Bildung von Zysten, Inkontinenz und Unfruchtbarkeit. Es gibt außerdem Probleme bei der Schwangerschaft und Schmerzen bei Geschlechtserkehr. Der Mann öffnet die Frau vor dem ersten Geschlechtsverkehr selber. Nach einer Schwangerschaft werden häufig die Frauen wieder zugenäht.

 

Jawahir bedauert, dass bei der Einreise nicht die Frage gestellt wird, ob Genitalverstümmelung oder Zwangsverheiratung vorliegt, Tatbestände, die ein Aufenthaltsrecht nach sich ziehen würden.

 

In der anschließenden Fragerunde wurden verschiedene Themen angesprochen, zum ersten die Frage, wie Frau Pavlovska-Trajceski und Jawahir persönlich mit den Situationen umgehen. Die Frauenberatungsstelle organisiert Supervision, um Hilfe zu leisten, muss man seine Rolle definieren.

 

Die Beratungsstellen bieten auch Männerberatung an (durch Männer), hier verbessert sich die Situation, vorher muss eine Aufklärung erfolgen.

 

Bei der Zwangsverheiratung unterscheidet man Ferienverheiratung und Importbräute. Die Begriffe sind selbsterklärend. Es gibt dann auch noch die Fälle, in denen deutsche Männer immer wieder sich Ehefrauen aus insbesondere den asiatischen Ländern holen und diese dann zurückschicken.

 

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